Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Judas Thaddäus 

 

Doberaner Münster, Hochaltar:  
Judas Thaddäus, Ende 14.Jh.Doberaner Münster, Hochaltar: Judas Thaddäus, Ende 14.Jh.Ch: Hallo Thaddäus 

Th: Du kannst mich ruhig Thad nennen. Meinen Namen hab ich immer ziemlich uncool gefunden. Das klingt so nach oberbayerischem Lederhosenträger und Schuhplattler. Dabei soll es ja mal so was wie „der Beherzte“ bedeutet haben. Aber nichts Genaues weiß man nicht. 

Ch: Na dein anderer Name „Judas“ ist ja auch nicht so toll. 

Th: Wieso? Ich bin doch Jude und da steh ich auch dazu. Hast du etwa was gegen Juden? 

Ch: Natürlich nicht. Aber, wenn man Judas hört, dann denkt man doch .. 

Th: Ich weiß: … an den Judas, der Jesus verraten hat. Aber der war ich natürlich nicht. Darauf hat sogar Johannes in seinem Evangeliumsbericht hingewiesen. Judas war damals ein Allerweltsname.  Wie heißt du denn? 

Ch: Chantal. 

Th: Na siehts du – das klingt auch nicht besonders intelligent! Ich habe wenigstens was erlebt. 

Ch: Ja, deshalb mach ich ja das Interview mit dir. Also du bist ein paar Monate mit Jesus durch die Kante gezogen? Wie bist du dazu gekommen? 

Th: Ach, das weiß ich selbst nicht so genau. Wir waren damals eine ganze Gruppe. Jakobus und Simon – also nicht der, der sich dann Petrus nannte - standen mir besonders nah. Später hat man dann gemeint, dass wir Geschwister gewesen wären. Und dass Kleopas und Maria unsere Eltern seien. Aber ob das so stimmt? 

Ch: Was, du weißt nicht, wer deine Eltern und deine Geschwister waren?  

Th: Nein, natürlich hatte ich Eltern und auch leibliche Geschwister. Aber das ist dann alles völlig nebensächlich gewesen. Wir waren in der Jesus-Truppe eine große und total bunte Familie. Jeder war anders. Etwas Gegensätzlicheres als den ehemaligen römischen Zolleintreiber Matthäus und den Fischerlümmel Petrus, der nicht mal richtig Hebräisch sprechen konnte z.B., kannst du dir gar nicht vorstellen. Aber wir haben zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Wie heißt das bei euch: „Einer für alle – alle für einen.“ 

Ch: Naja – aber als es dann zur Sache ging mit Jesus, da war von einem Herrn Thaddäus auch nichts mehr zu sehen. 

Th: Erinnere mich bloß nicht daran. Das war absolut daneben. Ich weiß. Und dass alle anderen auch nicht mehr da waren, macht die Sache nicht besser. Ich hoffe, Jesus hat mir das verziehen. 

Ch: Kopf hoch, Thad! Eigentlich ist er ja nur deshalb auf diese Welt gekommen, damit wir an unserer Schuld nicht zu Grunde gehen. Und was gibt’s sonst noch zu sagen? 

Th: Du – einmal, da hatte ich meine große Stunde. Das war kurz vorher. Da hat Jesus davon erzählt, dass wir auserwählt wären, seine Anliegen zu verstehen, ihn zu begreifen. Und da hab ich ihn gefragt: „Warum offenbarst du dich nur uns und nicht den vielen anderen Menschen auf der Welt?“

Ch: Clevere Frage!  

Th:Ne? Ich war mir damals nicht so sicher. Petrus hat schon wieder leicht die Augen verdreht: „So was kannst nur du fragen, Thad!“, sollte das wohl heißen. Aber Jesus hat geantwortet, so, wie er das immer machte. Also nicht einfach zack, zack und basta. Sondern so, dass man weiter nachdenken musste: „Wer mich liebt, dem wird es zu einem Herzensanliegen, was ich sage und auf dessen Seite stellt sich dann auch Gott, mein Vater“   

Ch: Jesus meinte also: Es kommt gar nicht so sehr darauf an, dass man zu dem Kreis der Auserwählten gehörte? 

Th: Noch besser: Das ist keine exklusive Gruppe von Eingeweihten. Jeder, der Jesus lieb hat, kann dazu gehören. Und dann hat man eigentlich auch schon begriffen, worum es ihm geht. 

Ch: Na aber sonst erfährt man von dir in den Evangelien nicht all zu viel. 

Th: Was nicht unbedingt ein Nachteil ist. Umso mehr gibt es über mich von der Zeit danach zu berichten. 

Ch: Ich bin gespannt. 

Th: Ja, also in Kleinasien, der heutigen Türkei bin ich gewesen. Der König von Edessa, Abgar, war krank und hat einen Brief an Jesus geschrieben, dass der ihn helfen soll. Und Jesus hat ihm geantwortet und mich losgeschickt, den Antwortbrief und ein Bild von ihm selbst zu König Abgar mit zu nehmen. 

Ch: Na ob das stimmt? 

Th: Ja aber so was von! Abgar ist gesund geworden, das Bild, das ich dorthin mitgenommen hatte, wurde noch hunderte Jahre später verehrt und der ganze Hofstaat hat sich zum Christentum bekehrt! 

Ch: Mächtig, gewaltig! 

Th: Und Eusebius hat im Archiv in Edessa, wie er in seiner Kirchengeschichte schreibt, 200 Jahre später sogar noch die Briefe von damals gefunden! 

Ch: Ok, ok. Eins noch, Thad, sag mir nur noch mal, warum du auf Bildern immer einen Basball-Schläger mit dir rumschleppst? 

Th: Baseball-Schläger? Das ist eine handfeste Keule. 

Ch: Na von mir aus auch eine Keule. 

Th: Ja, als ich von meiner erfolgreichen Reise in die Türkei wieder zurückkam, haben die anderen Jünger mich und Simon ausgesucht, die Frohe Botschaft in Babylon zu verkünden. 

Ch: Lass mich raten: Mit überwältigendem Erfolg? 

Th: So ist es. Die ganze Stadt ist zum Christentum übergetreten. Das hat natürlich den heidnischen Priestern nicht gefallen, weil sie damit ihren Job los wurden. Sie haben den Pöpel gegen uns aufgeputscht und mich mit einer Keule erschlagen. 

Ch: Tut mich echt leid, Thad 

Th: Muss dir nicht. Schließlich habe ich lange vorher schon versprochen: Mein Leben gehört Jesus Christus. Und gestorben wär ich ja ohnehin irgendwann einmal. 

Ch: Ok, Thad, wenn du das so siehst. Ich glaube, das hat was. Also lass dir‘s gut gehn im Himmel! 

Pfarrer H.-Ch. Moosdorf

Nach der „Legendaaurea“, dem berühmten Buch über das Leben der Heiligen aus dem 13. Jh. soll er nach einem erfolgreichen Missionseinsatz in Persien von einer aufgeputschten Volksmenge mit einem Knüppel erschlagen worden sein. Er trägt deshalb meist mit Würde eine Keule als Attribut.