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"Es ist das Heil uns kommen her"


Liebe Leser,  


 unter der Nummer 342 steht in unserem Evangelischen Gesangbuch eines der allerersten evangelischen Kirchenlieder: „Es ist das Heil uns kommen her …“.

Verfasst hat es der am 13. Dezember 1484 in dem württembergischen Dorf Rötlen bei Ellwangen geborene Paul Speratus. Dieser war, als er sich 1519 als Pfarrer von Würzburg zur Reformation bekannte und heiratete, exkommuniziert worden und bis in das damals zu Ungarn gehörende mährische Iglau geflohen. Als er hier als gewählter Pfarrer der Klosterkirche mit erkennbarem Erfolg im evangelischen Geiste zu wirken beginnt, wurde er vom Bischof von Olmütz 1523 kurzerhand verhaftet und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt.

Im Kerker auf seine Hinrichtung wartend, erfuhr Speratus von einer großen Feuersbrunst in Iglau und schrieb seiner dortigen Gemeinde zum Trost und zur geistlichen Stärkung eben jenes Glaubenslied „Es ist das Heil uns kommen her“.

Unterlegt mit einer seinerzeit beliebten Melodie eines alten Osterliedes hat es sich schnell verbreitet, und in mehreren deutschen Städten nachweislich mit dazu beigetragen, dass sich die Reformation durchsetzte.

1524 erschien das Lied zusammen mit weiteren zwei Liedern des Paul Speratus und vier Liedern Martin Luthers in einer allerersten Sammlung von acht deutschsprachigen evangelischen Kirchenliedern („Achtliederbuch“), und gehört bis heute trotz der für uns inzwischen schwierigen Sprache und Ausdrucksweise zu den Kernliedern des Evangelischen Gesangbuches.

Formal folgt es mit seiner siebenzeiligen Strophenform dem Lutherlied „Nun freut euch, lieben Christen gmein“ und umfasst ursprünglich 14 Strophen, von denen immer zwei durch Reim der Endzeilen zu einer Doppelstrophe zusammengeschlossen sind. Im aktuellen Evangelischen Gesangbuch fehlen die Strophen 3 und 4, 9, 11 und 12, wodurch der kunstvolle Aufbau des Liedes gestört ist.

Inhaltlich handelt es sich in den ersten sechs Doppelstrophen um eine reformatorische Predigt „vom Gesetz und Glauben“, wie es in der Überschrift heißt, mit einer Paraphrase des Vaterunsers in der abschließenden siebenten Doppelstrophe.

Als Grundlage für dieses dogmatische Lehrstück reformatorischen Glaubens dienen im Kern Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ sowie die Kapitel 3, 7 und 8 des Römerbriefes von Paulus. Speratus selbst führt in einer dem Lied bei der Veröffentlichung 1524 eigens beigefügten Liste über 50 Bibelstellen an, „worauf dies Gesang allenthalben ist gegründet“. Diese kaum für möglich zu haltende biblische Komprimiertheit mag auch ein Grund dafür sein, dass sich das Lied einem nicht ganz leicht erschließt.  

Gleichwohl lohnt es, sich dieses wertvolle Lied anzueignen.

Nur weniges kann hier andeutungsweise dazu gesagt werden:

Das grundsätzliche Anliegen des Liedes ist es – und das wird schon in der ersten Doppelstrophe deutlich – die durch Luther wiedergewonnene biblische Erkenntnis zu besingen und zu erklären, dass das Heil dem Menschen allein durch Jesus Christus erworben worden sei und ihm aus rein göttlicher Gnade zu teil werde, insofern der Mensch nicht imstande sei, das Gesetz zu erfüllen. Wahrer Glaube vertraue darum auf Jesus Christus und in keiner Weise auf irgendeine Eigenleistung, denn es gelte: „die Werk, die helfen nimmermehr“.

Die einzelnen Zusammenhänge werden in den folgenden Strophen vertiefend dargelegt und erklärt. So sei es ein immerwährender Irrglaube des Menschen zu meinen, das Gesetz Gottes halten und auf diese Weise frei leben zu können (zweite Doppelstrophe). Vielmehr habe Christus am Kreuz das Gesetz stellvertretend für die Menschen erfüllt, worauf sich wahrer Glaube besinne (dritte Doppelstrophe). Wahrer Glaube verlasse sich auch auf Gottes Wort (vierte/ sechste Doppelstrophe), das z.B. sage „Wer da glaubt und getauft ist, der wird leben“ und erzeige sich auf vielfältige Weise in Werken der Nächstenliebe (vierte/ fünfte Doppelstrophe). Das Gesetzes habe lediglich die Funktion, das menschliche Gewissen zu drücken und die Sünde groß zu machen, wohingegen das Evangelium den Sünder aufbaut und zu Christus unters Kreuz führt (fünfte Doppelstrophe).

Diese Lehrpredigt mündet schließlich in das Lob des dreieinigen Gottes und schließt – wie schon gesagt – mit einem paraphrasierten Vaterunser (siebente Doppelstrophe).

Paul Speratus kam übrigens durch Fürsprache einflussreicher Gönner wieder frei, musste aber das Land verlassen. Er ging nach Wittenberg und durch Vermittlung Luthers fand er schließlich einen neuen Wirkungsbereich im Dienste des Hochmeisters des Deutschen Ritterordens, Albrecht von Preußen. Als Hofprediger in Königsberg entwickelte er eine umfassende Tätigkeit in der Neuordnung des evangelischen Kirchenwesens in Preußen und wurde zu einem der wichtigsten kirchenleitenden Theologen der Reformation. Er starb am 12. August 1551 als Bischof von Pomesanien und wurde im Dom zu Marienwerder begraben.

Michael Lippky, Pfarrer in Bockau

Hiernnen Sie das Lied anhören