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Luther ReformationLieder der Reformation Februar 2017

Liebe Leser,

„Wir glauben all an einem Gott … „ So beginnt Martin Luthers Credolied. Im Gesangbuch findet es sich unter der Nummer 183. Das Lied ist in Melodie und Inhalt ein echter Knochen. In den meisten Gemeinden wird es nicht mehr gesungen, einige Gemeinden „quälen“ sich zumindest am Reformationsfest durch die drei Strophen. Doch es ist von den im Gesangbuch abgedruckten Credoliedern mit Abstand das inhaltlich beste!

Dass sich Luther überhaupt entschloss, ein Credolied zu schreiben, hatte zwei Gründe. In der römischen Messe wurde das Glaubensbekenntnis vom Priester allein in lateinischer Sprache gesungen. Mit der evangelischen Reform des Gottesdienstes sollte dies anders werden. Die Gemeinde sollte in deutscher Sprache in das Glaubensbekenntnis einstimmen können. Deshalb sah Martin Luther in seinem Entwurf der Deutschen Messe das nizänische Glaubensbekenntnis (EG 805) oder eben sein Credolied vor. Zum anderen diente das Lied auch zur Unterweisung der evangelischen Christen in die Grundthemen des Glaubens.

Für sein Credolied greift Martin Luther auf zwei Quellen zurück: auf ein kleines 10-zeiliges Credolied aus dem 15. Jh. und auf das nizänische Glaubensbekenntnis. Beide Quellen verschmilzt er zu einem in sich geschlossenen Lied von hoher poetische und theologischer Dichte. In den drei Strophen geht es Luther dabei nicht darum darzustellen, wer Gott an sich ist. Für Luther ist vielmehr wichtig zu sagen, wer Gott für uns ist, und was Gott für uns tut!
Die erste Strophe entfaltet den Glauben an Gott den Schöpfer: Gott, der alles geschaffen hat sorgt für uns, er schützt, er wacht, er ernährt. Gott der Schöpfer ist unser fürsorglicher Vater, und wir sind seine behüteten Kinder.
Notenblatt "Wir glauben all..."
Die zweite Strophe singt von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der „ewig bei dem Vater ist“, Er ist als „wahrer Mensch“ geboren und „für uns, die wir warn verloren, am Kreuz gestorben“.
Die dritte Strophe besingt den Glauben an Gott, den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist – wie im Nizänischen Glaubensbekenntnis hervorgehoben - „Gott mit Vater und dem Sohne“. Er ist der Tröster, er „zieret“ die Christen mit seinen Gaben. Hier klingen bekannte Bibeltexte über den Heiligen Geist an, wie z.B. Johannes 14, 15-26, 1. Korinther 12,4-11 und Galater 4,16-25. Doch im besonderen schenkt der Heilige Geist der Christenheit „einen Sinn“, d.h. die Einheit der Kirche. Für Martin Luther war dies ein wichtiges Werk des Heiligen Geistes – gerade in der Reformationszeit, in welcher die Kirche Christi zum Zerreißen gespannt war. Es ist auch der Heilige Geist der Anteil gibt an der Sündenvergebung und am ewigen Leben.
Jede Strophe fängt mit den Worten „wir glauben“ an. Erstaunlich dabei ist, dass in der Melodieführung allein 5 Noten auf dem kleinen Wort „wir“ liegen. Damit wird dieses „wir“ nachdrücklich betont. Aber warum, ist doch so schon der Anfang jeder Strophe für einen ungeübten Sänger ein fast unüberwindliches Hindernis?! In diesem „wir“ findet das Wir der Gemeinde seinen Ausdruck. Ein Christ steht weder allein vor Gott noch allein in dieser Welt, vielmehr ist er eingebettet und getragen von einer lebendigen Gemeinschaft. Der schwierige melodische Anfang jeder Strophe mit hoher Stolpergefahr erinnert den Einzelnen und die Gemeinschaft daran: Wir treten füreinander ein, wir tragen die Zweifelnden, wir helfen den Strauchelnden auf, wir gehen den Verirrten nach. Das Wir des Glaubens trägt den Einzelnen!

Das Lied ist in Melodie und Inhalt ein echter Knochen. Es ist für uns heute schwer zu singen. Doch es lohnt, sich auf dieses Lied einzulassen, es in den Gemeinden und in Gottesdiensten zu singen. Je öfter es gesungen wird, desto mehr entfaltet es seine Kraft und seine Tiefe – für den Einzelnen und in der Gemeinschaft der Glaubenden!
 
Pfr. Matthias Lehmann, Eibenstock