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Bild und Bibel Mai 2015

Christus, der Weinstock, 
Byzantinisches Museum, Athen
Christus, der Weinstock, Byzantinisches Museum, Athen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Februar habe ich Ihnen die berühmte Trinitätsikone von Andrej Rubljow vorgestellt. In anschließenden Gesprächen, habe ich gemerkt, dass unser Umgang mit Bildern den Ikonen der Ostkirche nicht gerecht wird. Ikonen wollen nicht  ausgelegt werden.  Ikonen wollen uns in der Betrachtung ein Fenster öffnen, durch das wir einen Blick auf das Heilshandeln Gottes werfen können. Ikonen leben davon, dass man mit ihnen persönliche Erfahrungen macht.

Eine andere Ikone, die mich schon Jahre begleitet, möchte ich Ihnen jetzt vorstellen: Christus, der Weinstock. Das Original befindet sich im Byzantinischen Museum in Athen. Eine handgemalte Kopie davon habe ich vor 16 Jahren in Griechenland erworben. Sie hängt in meinem Dienstzimmer. Ich komme nicht umhin, sie ab und zu in Ruhe zu betrachten.

Die Ikone zeigt Christus, den Weinstock. Hintergrund ist die Weinstockrede Jesu im Johannesevangelium Kapitel 15. In den Ästen des Weinstocks sitzen die 12 Apostel. Sie haben jeweils ein Buch oder eine Schriftrolle in den Händen. Der Blick der Apostel ist auf Christus gerichtet, oder sie sind einander zugewandt. Keiner der Apostel hat ein besonderes Zeichen an sich, das erkennen lassen könnte, um welchen Apostel es sich im Einzelnen handelt. Die einzige Ausnahme ist der Apostel oben links. Dieser hält in der einen Hand ein Buch und in der anderen Hand einen Schlüssel. Es ist Petrus. Die Ikone strahlt eine große innere Ruhe aus. Zwischen Christus und den Aposteln bestehen ein sichtbarer Frieden und eine tiefe Zuneigung.

Das ist das Geheimnis der Kirche Jesu Christi: Wir schauen auf Christus, und er verbindet uns mit sich selbst und er verbindet uns untereinander.

Jedes Mal, wenn ich die Ikone längere Zeit anschaue, kommt mir derselbe Gedanke: Den Blick, den ich als Betrachter auf den Weinstock habe, hat weder Jesus noch die Apostel, die im Weinstock sitzen. Die Apostel sehen nicht den Weinstock im Ganzen. Sie haben nur Augen für Jesus. Und Jesus sieht mich, den Betrachter, an und fragt: Willst du draußen bleiben und meinen Weinstock nur anschauen? Oder kommst du herein, schaust ganz auf mich?

Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, dass wir oft nur Betrachter der Kirche sind. Wir reden über Kirche – im Kirchenvorstand, unter Mitarbeitern, in Gemeindekreisen, unter Freunden. Wir sprechen von Strukturreformen, von Stellenkürzungen, von dem, was in der Kirche anders werden muss … Oft genug hört sich unser Reden dabei an, als ständen wir draußen und schauten aus der Vogelperspektive auf die Kirche – genauso wie der Betrachter auf die Ikone. Doch wer diese Perspektive einnimmt, der steht wirklich draußen! Kirche ist nicht dort, wo über Kirche geredet wird. Kirche ist nur dort, wo Menschen miteinander auf Christus schauen und sich von Christus, dem Herrn der Kirche, zu einer Gemeinschaft verbinden lassen. Die Ikone erinnert mich immer wieder daran, indem sie genau diese Frage in mir wachhält: Will ich bloßer Betrachter oder Teil der Kirche Jesu sein? Rede ich über Kirche oder nehme ich Platz im Weinstock des Herrn?

Pfarrer Matthias Lehmann, Eibenstock