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Bild und Bibel April 2015

Lovis Corinth (1858-1925)
Der rote Christus, 1922, Öl auf Holz, München, Pinakothek der Moderne
Lovis Corinth (1858-1925) Der rote Christus, 1922, Öl auf Holz, München, Pinakothek der Moderne

 

Ich lade Sie heute ein, mit mir ein Passionsbild zu betrachten. Es begleitet mich seit meiner Kindheit. Zu Hause besaßen wir eine Bilderbibel mit Gemälden von Lovis Corinth. Es gehörte zur Karfreitagstradition, den Bibeltext zu lesen und die Bilder anzusehen. Und ich erinnere mich, dass mich dieser „rote Christus“ fasziniert hat. Gerade das Hässliche an diesem Bild hat eine Anziehungskraft, der man sich kaum entziehen kann.

Ja, auch hier ist es Abend, wie in vielen romantischen Kreuzigungsdarstellungen. Aber die Abendsonne bescheint keine zur Ruhe gekommene Szene.

Die Folterknechte sind noch bei der Arbeit: Von rechts wird Jesus von einem, der wie ein Haufen Dreck am Bildrand kauert, der essiggetränkte Schwamm gereicht, links ist ein anderer gerade dabei, seinen Speer Jesus in die Seite zu rammen, um den Tod sicher festzustellen.

Das austretende Blut besudelt den fahlen Körper Christi. Aber es scheint sich weiter auszubreiten. Es färbt das Wasser des Sees. Auch die Sonnenstrahlen haben den blutroten Charakter angenommen und die friedliche Landschaft im Hintergrund scheint darin zu ertrinken. Eine in Blut und Feuer untergehende, eine dem Tod geweihte Welt ist dort zu sehen.

Merkwürdig: Lebendig wirkt nur der einzige Tote auf diesem Bild: Eine übergroße gepeinigte Figur in der Bildmitte. Entmenschlicht gleicht sein Gesicht dem eines Tiers, entstellt von unsäglichem Leid. Die Arme weit ausgebreitet, scheint Jesus aus dem Bild heraus, dem Betrachter entgegen zu springen. Seine Hände sind nicht zu sehen – haben die sich schon vom Kreuz gelöst? Wo ist überhaupt dieser Holzbalken? Jesus ist auf der Bildleinwand aufgespannt im Rahmen dieser, unserer Welt. Diese scheinbar friedliche Welt mit mir und mit dir, mit meiner und deiner Schuld ist das Kreuz, das Jesus trägt.

Aber die Geschichte ist mit dem Karfreitag nicht zu Ende: Das aus der Lanzenwunde austretende Blut spritzt in weitem Bogen nach rechts aus dem Bild heraus. Es trifft die, die dort stehen, die Betrachter, es trifft uns. Ein Motiv, das bereits Lukas Cranach häufig gemalt hat: „Das Blut Christi – vergossen für dich“ – feiern wir im Abendmahl und für uns wird der alte Spruch des Propheten Jesaja lebendig: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Lange Jahre habe ich dieses Bild aus den Augen verloren. Neulich ist es mir wieder in die Finger geraten. Nein, als Reproduktion im Zimmer aufhängen würde ich es nicht, obwohl ich im Internet eine solche für wenig Geld anfertigen lassen könnte (mit Zierrahmen, wenn gewünscht!).

Aber dieses grausame Ereignis ist nicht zu trennen von dem, was danach kommt, vom Osterfest. Und in mir ist beim Betrachten sofort auch wieder die Freude wach geworden, mit der wir als Kinder Ostern gefeiert haben – und das nicht nur wegen der bunten Eier!

Pfarrer Hans-Christian Moosdorf